Der Schwankende Muhammad
Nach dem Tod seiner Mutter nahm Muhammads Schwanken zu. Wohin er sich auch wandte, das aus der Stadt aufsteigende Summen hallte in seinen Ohren wider: Lügen, Ungerechtigkeiten, Hände, die nach Waisengut griffen... In der Annahme, er würde Ruhe finden, floh er in die Berge. Tage vergingen, Wochen vergingen... Er sprach mit den Bergwinden, lehnte sich an die Stille der Steine. Schließlich wurde er ein Meczup (ein Derwisch/Gottesnarr).
Eines Tages, als er auf einem Bergpfad wanderte, sah er ein Kind. Das Kind hielt ein zerbrochenes Holzpferd in der Hand. Muhammad grüßte, doch das Kind drehte sich nicht um. Dann erkannte er, dass das Kind ein Schatten war; ein Überbleibsel der Stimme seiner Mutter, eine in den Bergen widerhallende Erinnerung.
Sein Verhältnis zu Schweinen war anfangs nicht gut. Die Sache war nicht die Wildheit der Tiere; im Gegenteil, diese “unreine” Herde zeigte Muhammad eine unerklärliche Treue. Wann immer er in Ehrfurcht schwankte, nickten auch die vor der Höhle versammelten Schweine im gleichen Rhythmus mit dem Kopf.
Muhammads Augen waren gen Himmel gerichtet, er erwartete ein Zeichen.
Die Augen der Schweine waren auf den Boden gerichtet, sie erwarteten Pilze.
Eines Morgens rollte ein altes Schwein mit einem abgerissenen linken Ohr einen Stein vor die Höhle. Auf dem Stein war Moos. Das Schwein kratzte mit seiner Schnauze über den Stein, fraß das Moos und blickte Muhammad an. In diesem Moment dachte Muhammad, dass selbst dieses Tier das Recht des Steins beachtete.
Eines Morgens wurde das Schwanken so heftig, dass Muhammad wie eine von unsichtbarem Wind hin- und hergeworfene Platane zur Seite kippte und sich wieder aufrichtete. Unten in der Stadt hatte wohl wieder jemand nach Verbotenem gegriffen.
Als er die Augen öffnete, sah er die Schweinearmee. Alle knieten auf ihren Hinterbeinen und blickten ihn in Ehrfurcht an.
“Verschwindet von mir!”, brüllte er. “Ihr seid mir verboten! Ihr seid eine Prüfung! Geht!”
Die Schweine rührten sich nicht.
Der Alte hob seine Schnauze und grunzte mit gedämpfter Stimme:
> “Wohin sollen wir gehen, oh Muhammad? Die unten fressen sich gegenseitig auf. Für uns ist kein Platz mehr, der reinste Ort ist an deiner Seite.”
Muhammads Schwanken hörte auf. Hatte dieses Schwein gesprochen, oder war es eine Stimme, die in seinem eigenen Geist widerhallte, eine im Schlamm verschmierte Offenbarung?
“Ihr seid unrein”, sagte Muhammad, doch seine Stimme zitterte.
> “Ich kam, um gereinigt zu werden.”
Das Schwein rieb seinen schlammigen Körper an einem Baum, um sich zu kratzen:
> “Du wäschst dein Äußeres, aber das Innere derer unten ist ein Abwasserkanal. Unser Schlamm trocknet und fällt ab; ihrer geht nie ab. Schwinge weiter, vielleicht wirfst du die Stadt auf deinem Rücken ab.”
In dieser Nacht träumte Muhammad, dass er eine Stadt mit ihren Minaretten und Dächern auf seinem Rücken trug. Jedes Mal, wenn er schwankte, fiel ein Dach herab und ein weinendes Kind kam darunter zum Vorschein. Die Schweine beobachteten ihn sogar in seinem Traum.
Muhammad begann hilflos, wieder zu schwanken. Diesmal war seine treueste und gleichzeitig verbotenste Gemeinde bei ihm. Die Stille des Berges vermischte sich mit dem Summen der Stadt. Der Himmel war still, aber der Schlamm sprach.
Und Muhammad, im Schatten des Berges, im Rhythmus der Schweine, verlor sich in seinem eigenen Beben.